Bosch-E-Bike-Chef:  “Wir wollen keine Subventionen – wir brauchen gute und sichere Radwege”

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Herr Fleischer, das politische Berlin träumt vom Leitmarkt für E-Mobilität. Dabei spricht aber niemand von Bosch eBike Systems, obwohl Millionen Menschen mit ihren Motoren unterwegs sind. Seit Jahren schaut die Polit-Prominenz auf Messen bei der Premiere von E-Autos vorbei – zum Durchbruch hat es der Sache nicht verholfen. Gibt es für Sie auch politischen Support?

Da würden wir uns mehr wünschen. Das Elektrofahrrad ist das erfolgreichste Mobilitätskonzept, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Und es wächst und gedeiht weiter. Aber was macht die Politik? Hilft sie? Bremst sie?

Der Erfolg der Elektroräder kommt jedenfalls nicht durch die Hilfe der Politik zustande. Der Erfolg kommt nicht durch Subventionen – weder für die Industrie noch für den Käufer. Der Erfolg der E-Räder kommt allein daher, weil das Produkt bei den Kunden gut ankommt. Weil die Leute gerne Fahrrad fahren und mit dem Pedelec noch lieber länger und öfter fahren.

2010 haben Sie das erste Antriebssystem vorgestellt. Wie ist Bosch auf die Idee gekommen, ausgerechnet in den Fahrradmarkt zu gehen?

Wir feiern 2019 unser zehnjähriges Jubiläum, wir wurden 2009 gegründet. Die Idee dazu stammt aus dem Jahr 2008. Damals fragten wir uns: Was kann Bosch mit seiner Technologie für die großen Megatrends unserer Zeit beitragen? Die Trends, die wir sahen, waren: Urbanisierung, demografischer Wandel, Energieknappheit, Ressourcenknappheit und Emissionen.

E-Bikes sind ein unglaublicher Erfolg geworden. In diesem Jahr werden fast eine Million Einheiten verkauft.

Natürlich haben wir eine positive Marktentwicklung bei den Elektrorädern angenommen, sonst hätten wir ja nicht mitgemacht und investiert. Und heute können wir sagen: Wir liegen deutlich über den Erwartungen. Wir freuen uns, dass das Elektrofahrrad in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Es kam aus der Nische – ein Fahrrad für ältere Radfahrer, die mobil bleiben wollen. Heute ist es ein Lifestyle-Produkt – es freut uns sehr, wie gut das ankommt.

Bei den Elektro-Autos ist es genau andersrum. Sie tun sich beim Endkunden schwer. Überspitzt gesagt: Da wird verlangt, dass derjenige, der ein Rad oder Bus und Bahn benutzt, mit seinen Steuern die Rechnung für die Ladesäulen der Elektroautos bezahlt. Doch die Begeisterung der Politik über Ihren Erfolg sehe ich nicht.

Ich will es mal so sagen: Die politische Willensbildung hat hier einen deutlichen Mangel. Was meine ich damit: Die Bereitstellung der Infrastruktur hängt der Entwicklung auf den Straßen weit zurück. Und wir – die gesamte Industrie, alle Verbände – appellieren seit Jahren an die Politik: Wir brauchen diese Infrastruktur. Wir brauchen sichere Radwege, wir brauchen sichere Abstellmöglichkeiten – auch gegen Diebstahl und Vandalismus – sonst wird das Mobilitätskonzept Fahrrad nicht die Durchdringung erreichen, die wir für eine Verkehrswende brauchen. Und wir werden in jedem Frühjahr wieder neue Unfallzahlen hören.

An den Unfällen sind nicht primär die Radfahrer schuld, sondern die stiefmütterliche Infrastruktur.

Wir schauen neidvoll nach Amsterdam, und nach Portland – Hamburg will das nächste Kopenhagen werden. Doch Konzepte muss man nicht nur schreiben, man muss auch mal bauen. Alle wollen wie Kopenhagen werden, aber es werden zu wenig Radwege gebaut. Warum nicht? Wir haben einen Engpass beim Budget und bei der Bereitstellung von Verkehrsraum.

Das kann ich nur bestätigen. Mein Berufsweg ist die Hamburger Elbchaussee – eine Hauptverkehrsstraße und die einzige direkte Verbindung in die City. Da gibt es überhaupt keinen Radweg. Da wird seit mehr als 15 Jahren diskutiert – aber gebaut wurde kein einziger Meter.

Die Umgestaltung unserer Städte geht viel zu langsam voran. Das ist unsere Botschaft an die Politik: Wir wollen keine Subventionen für den Verkauf oder Industrie – wir brauchen gute und sichere Radwege. Wir wollen, dass die Fahrradfahrer sicher fahren können und ihre Räder ordentlich abstellen dürfen.

Beim Thema Fahrrad und vor allem E-Rad sieht die Politik eher die Risiken und Probleme und selten die Chancen. Als Bremser hat sich nun die CSU hervorgetan.

Die CSU hat es geschafft, das Sommerloch mit dem Thema E-Mountainbiker zu füllen. Die wollen E-Mountainbikes aus den Alpen verbannen, weil es dort angeblich Konflikte mit Wanderern gibt. Natürlich haben wir im Münchner Süden überfüllte Hotspots, aber der Rest der Alpen ist leer.

Also: “Verbote statt Lösungen”.

Das ist eine Posse. Es wäre doch besser, wenn mehr Leute mit dem E-Mountainbike schon von zuhause oder dem Hotel losfahren und nicht erst mit dem Auto in die Berge und dort von einem riesigen Wanderparkplatz aus loslaufen.

Wo wir bei der Politik sind, lassen Sie uns über Gesetze beziehungsweise Gesetzesverstöße sprechen – also über Tuning. Bisher ist es kinderleicht, die 25-km/h-Sperre auszuhebeln.

Ich bin wie Sie mit dem Mofa und dem Moped groß geworden. “Frisieren” war damals ein Kavaliersdelikt. Man könnte jetzt denken, das Tunen von einem Pedelec sei auch so ein Kavaliersdelikt. Das ist es aber ganz und gar nicht. Sie machen aus einem nicht zulassungspflichtigen und nicht versicherungspflichtigen Fahrzeug ein Kleinkraftrad und verlieren damit den Status Fahrrad. Das ist im Bereich einer Straftat.

Ihr neuer CX Motor macht Tuning unmöglich. Das werden nicht alle Kunden toll finden – warum macht Bosch das?

Jetzt können Sie sagen: Was interessiert sich die Industrie dafür, was für einen Unsinn die Kunden anstellen. Für uns als Industrie ist es wichtig, dass für alle Pedelec– also E-Bikes bis 25 km/h – der Status “Fahrrad” erhalten bleibt mit all seinen Rechten und Pflichten. Darum haben wir uns gemeinsam mit dem Zweirad-Industrie-Verband eine Selbstverpflichtung gegen Tuning auferlegt und die gültigen Normen aktualisiert. Die neuen Systeme müssen Tuning erkennen können. Und genau das haben wir getan. Erkennt die Software, dass eine Manipulation vorliegt, schaltet das eBike automatisch in den Notlaufbetrieb.

Also dann geht es erstmal ziemlich langsam weiter.

Der eBiker kann den ursprünglichen Fahrzustand wiederherstellen, wenn er rund 90 Minuten fährt. Dann erfolgt die Manipulationsabfrage erneut. Nach dem dritten Mal kann der Notlaufbetrieb dann nur noch durch den Fachhändler aufgehoben werden.

Wir wollen unsere Systeme für Tuning wirklich unattraktiv machen, weil wir sagen: Wir wollen die Freiheit des Fahrradfahrens für alle Pedelec-Nutzer erhalten.

Und das ist in Gefahr, wenn eine Minderheit die Räder schneller macht?

Exakt, aber Pedelec-Fahren ist attraktiv, weil man keinen Helm tragen muss, weil man keine spezielle Versicherung abschließen muss. Weil Sie Wald- und Feldwege benutzen dürfen und nicht zuletzt, nur mit dem Pedelec mit seiner Geschwindigkeitsbegrenzung dürfen Sie innerorts auf den Radweg. Diesen Rahmen müssen wir schützen.

Grundsätzlich gelten die Normen des Gesetzgebers und ein großer Hersteller wie Sie sollte diese respektieren. Doch noch einmal zur 25-km/h.Grenze: Andere Länder sind da etwas großzügiger und gehen auf 32 km/h, wäre das nicht vernünftiger?

In der Theorie ist das richtig. Doch die Herausforderung sind die Gesetzgeber in Berlin und Brüssel.

Vom Auto aus betrachtet, ist der Unterschied zwischen 25 und 32 km/h gering. Beides ist langsam. Auf dem Fahrrad ist das allerdings ein großer Unterschied. Im Ebenen fahre ich mit Muskelkraft deutlich schneller als 25.

In der Politik gibt es eine klare Position: Über 25 kommen automatisch die Helmpflicht und die Versicherung. Dafür gibt es ja das Speed-E-Bike bis 45 km/h und dann hat man alle Regulierungen.

Also dass man innerorts nicht auf die Radwege darf.

Jeder Versuch in Berlin oder Brüssel mit dem Vorschlag 30 oder 32 km/h vorstellig zu werden, führt automatisch zu Helm- und Versicherungspflicht. Glauben Sie mir, das haben wir schon mehrfach angetestet. Von einer Änderung können Sie träumen, doch es ist nun mal so: Mit den 25 km/h muss man sich abfinden.

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