Francis Ford Coppola über “Apocalypse Now – Final Cut”

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Zur Person

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    Francis Ford Coppola, geboren 1939 in Detroit, begann im März 1976 mit den Dreharbeiten zu “Apocalypse Now”. Nach diversen Rückschlägen fiel die letzte Klappe erst zwei Jahre später. 1991 erschien der Dokumentarfilm “Hearts of Darkness”, der intime Einblicke in die katastrophalen Dreharbeiten gewährte. 2001 veröffentlichte Coppola eine neu geschnittene, deutlich längere Fassung (203 Minuten statt der ursprünglichen 147) unter dem Titel “Apocalypse Now – Redux”. Am 15. Juli kommt nun der “Final Cut” (183 Minuten) einmalig in die deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Coppola, die Dreharbeiten zu “Apocalypse Now” waren unter anderem von Finanzierungsproblemen, Krankheitsfällen sowie Wetter-Katastrophen geplagt. Das war bekanntlich nicht nur, aber auch für Sie persönlich ziemlich traumatisch. Warum scheinen Sie den Film trotzdem, 40 Jahre später, nicht loslassen zu können?

Francis Ford Coppola: Eigentlich war es immer mein Ziel, so viele verschiedene Filme wie möglich zu drehen und mich nie zu wiederholen. Ich wollte immer Neues ausprobieren und dazulernen. Deswegen könnte der Unterschied zwischen “Der Pate” und “Apocalypse Now” zum Beispiel kaum größer sein: hier der streng strukturierte Gangster-Film mit der sehr statischen Kamera, dort der fast experimentelle Kriegsfilm, in dem alles konstant in Bewegung ist. Von daher ist es in der Tat nicht so, dass ich es darauf anlegen würde, mich wieder und wieder mit dem Gleichen beschäftigt. Es ist wohl eher so, dass dieser spezielle Film mich nicht loslassen kann.

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“Apocalypse Now – Final Cut”:
Ein letztes Mal Weltuntergang

SPIEGEL ONLINE: Ach ja?

Coppola: Oder vielleicht anders ausgedrückt: Andere Leute tragen ihn mir immer wieder an. Als klar war, dass es beim Tribeca Filmfestival in New York 2019 anlässlich des 40. Jubiläums ein Screening geben würde, wurde ich gefragt, welche Version ich denn zeigen wolle. Die, die 1979 ins Kino gekommen war, aus der wir einiges herausgeschnitten hatten, weil es die Sorge gab, der Film könne nicht nur viel zu lang, sondern auch zu schräg sein? Oder die von 2001, in die wir unter dem Titel “Apocalypse Now Redux” fast 50 Minuten Material wieder hineinschnitten, weil ich irgendwann verstanden hatte, dass der Film doch gar nicht so seltsam wirkte und er vielleicht einfach nur seiner Zeit voraus gewesen war? Die Originalfassung erschien mir nach wie vor unvollständig, aber “Redux” war bei Lichte betrachtet einfach zu viel des Guten. Also beschloss ich, mich noch einmal dranzusetzen und eine Version zu schneiden, mit der ich rundherum zufrieden bin.

SPIEGEL ONLINE: Welche Neuerungen waren in denn in dieser dritten Schnittfassung, die Sie “Apocalypse Now – Final Cut” nennen, waren besonders wichtig?

Coppola: Mir ging es darum, Feinheiten zu justieren, aber auch noch einmal den Blick auf die Themen des Films zu schärfen. In der Originalfassung etwa sah man nicht die Ankunft von Robert Duvall alias Lieutenant Colonel Kilgore auf dem Surfbrett. Die musste aber im Final Cut genauso drin sein wie die Szene, in der Marty Sheen das Surfbrett später klaut. Auch die lange Szene auf der französischen Plantage, die ich 1979 komplett herausgeschnitten hatte, ist wieder drin. Weil ich es wichtig fand, in einer Geschichte über den Vietnamkrieg auch die geisterhafte Anwesenheit der Franzosen zu zeigen, die dort in den Fünfzigern selbst Krieg geführt hatten. Diese Szene hatte ich 2001 einfach im Ganzen wieder eingesetzt. Jetzt ist sie auch zu sehen, aber in sich noch einmal erheblich geschnitten. Und anderes, wie etwa die Redux-Szene mit den Playboy-Bunnies und dem Hubschrauber-Treibstoff, ist erneut aus dem Film rausgeflogen. Vom “Mehr ist mehr”-Ansatz habe ich mich also wieder verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich heute ungetrübt über den Erfolg und das Vermächtnis von “Apocalypse Now” freuen? Oder lösen die Erinnerungen an die schwierigen Dreharbeiten sofort eine posttraumatische Belastungsstörung aus?

Coppola: Nun, einige der Schwierigkeiten, auf die Sie anspielen, werden bis heute gerne ein wenig übertrieben. Aber klar, andere waren sehr real – und sehr schwierig. Viele dieser Erinnerungen sind geprägt von großer Traurigkeit oder Ängsten. Den Abstand, den Film auch mal nüchtern oder sogar freudig zu betrachten, habe ich erst seit einigen Jahren. Deswegen kann ich heute, zum 40. Jubiläum, auch erstmals wirklich beurteilen, in welcher Version “Apocalypse Now” am besten wirkt. Es ist noch nicht lange her, da war mein Blick darauf immer noch der des verängstigten Filmemachers, der eigentlich gerade dem Bankrott in die Augen sah. Lange Zeit wühlte jedes Bild wieder etwas auf: “Oh, das war damals der Drehtag, als ich vom Herzinfarkt meines Hauptdarstellers erfuhr.” Oder: “Dies war das Set, das wir komplett neu aufbauen mussten, nachdem die Kulissen beim ersten Mal von einem Taifun zerstört wurden.”





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Szene aus “Hearts Of Darkness: A Filmmakers Apocalypse”, dem Dokumentarfilm über die Dreharbeiten. Hier ist Martin Sheen mit einem Defilibrator zu sehen

SPIEGEL ONLINE: Von all diesen Krisen – welche war für Sie die schwierigste?

Coppola: Der Herzinfarkt von Martin Sheen und die Ungewissheit, ob er die Sache überleben wird. Aber insgesamt wurde es damals zum Problem, dass der Film in gewisser Weise ein Eigenleben entwickelte und sich kaum kontrollieren ließ. Auch inhaltlich nicht. Ursprünglich war zum Beispiel ein ganz anderes Ende vorgesehen, ein großes Kriegsgefecht. Zu merken, dass das nicht funktionieren würde, löste in mir eine enorme Unruhe und Beklemmung aus. Als Marlon Brando, der ja ein unglaublich scharfsinniger Typ war, ans Set kam, konnte er sich ein Lachen nicht verkneifen und meinte: “Mit dem Ende hast du dir ja ein ganz schönes Ei gelegt. Denk dir mal lieber schnell was Neues aus.” Was mir dann ja letztlich zum Glück auch gelungen ist.

SPIEGEL ONLINE: Brando selbst war allerdings auch eine Ihrer Sorgen!

Coppola: Ja, weil niemand damit gerechnet hatte, dass er plötzlich so dick sein würde. Als Colonel Kurtz sollte er ein Green Beret sein, ein Oberst der Special Forces. Doch deren Uniformen gab es natürlich nicht in XXL. Und wie allen übergewichtigen Menschen – ich spreche hier aus Erfahrung – war ihm sein Aussehen natürlich unangenehm. Mein erster Gedanke, ihn einfach als aus dem Leim gegangenen Lebemann zu zeigen, mit triefender Mango in der einen Hand und einem jungem Mädchen in der anderen, gefiel ihm entsprechend gar nicht. Er konnte also weder aussehen wie ein echter Colonel, noch durfte ich zeigen, dass er übergewichtig war. Die Lösung ist bekannt: Mein großartiger Kameramann Vittorio Storaro hat ganz hervorragend mit Licht und Schatten gespielt, wir steckten Brando in einen schwarzen Pyjama und rasierten ihm den Kopf, außerdem kam in etlichen Szenen ein sehr groß gewachsenes Double zum Einsatz. So wirkte der kleine, viel zu dicke Brando bei uns wie ein riesiger Hüne.





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Marlon Brando in “Apocalypse Now”: wie ein riesiger Hüne

SPIEGEL ONLINE: Den von Martin Sheen gespielten Captain Willard sollte eigentlich Harvey Keitel spielen. Hat der Ihnen je verziehen, dass Sie ihn nach ein paar Wochen Dreh feuerten?

Coppola: Oh ja, er war diesbezüglich mir gegenüber immer sehr großzügig und nett. Für einen Regisseur gibt es ja nichts unangenehmeres, als einen Schauspieler zu feuern. Das ist auch keine Entscheidung, die man leichtfertig trifft. Aber ich merkte damals einfach, dass es nicht passt. Für mich war Willard eine Art passiver Beobachter, bei dem sich vieles rein über das Gesicht transportiert. Nur ist eben Harvey alles andere als ein passiver Typ, sondern im Gegenteil enorm aktiv. Auch im Gesicht. Das ging einfach nicht zusammen mit dem, was mir vorschwebte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben damals auch viel privates Geld in den Film gesteckt und standen, wie Sie schon erwähnt haben, kurz vor der Pleite. Stimmt es, dass Sie deswegen sogar Ihren guten Freund George Lucas angepumpt haben, der gerade mit “Star Wars” reich geworden war?

Coppola: Nicht ganz. Ich war tatsächlich bankrott und drohte, unser wunderschönes, mir unglaublich am Herzen liegendes Anwesen im Napa Valley zu verlieren. George bot damals von sich aus an, das Ding mit seinem privaten Geld zu kaufen und es mir zehn Jahre später zum gleichen Preis wieder zu verkaufen. Das war also ein Geschenk an mich. Am Ende war das gar nicht nötig, ich war selbst in der Lage, das Haus zu retten. Aber allein für das Angebot bin ich ihm bis heute dankbar.

Preisabfragezeitpunkt:
10.07.2019, 17:45 Uhr
Ohne Gewähr

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Apocalypse Now – Final Cut

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SPIEGEL ONLINE: Im Rückblick wird “Apocalypse Now” als Film gefeiert, der das Kino verändert hat. Haben Sie selbst später Ihren Einfluss in den Werken anderer Filmeschaffenden erkannt?

Coppola: Hin und wieder kam das schon vor, und ich habe mich immer gefreut. Ist doch schön, wenn sich junge Kollegen von mir beeinflussen lassen und mein Werk in ihrem fortlebt. So etwas habe ich auch nie als Abkupfern empfunden. Im Gegenteil gehört es doch dazu, dass man sich bei anderen bedient. Als ich jung war, wollte ich sein wie Tennessee Williams oder Elia Kazan. Die waren in meiner Vorstellung die Größten, also habe ich selbstverständlich bei ihnen geklaut.

Im Video: Der Trailer zu “Apocalypse Now – Final Cut”

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich kündigten Sie Ihren ersten neuen Film seit vielen Jahren an: “Megalopolis”, ein utopisches Epos über das New York der Zukunft. Es zieht Sie also doch noch einmal hinter die Kamera?

Coppola: Schauen wir mal. Ich bin nicht sicher, ob ich mit meinen 80 Jahren wirklich noch die Ausdauer und Kraft habe, ein solches Projekt zu stemmen. Denn “Megalopolis” ähnelt in gewisser Weise “Apocalypse Now”: Es ist ein Film, den es so noch nie gegeben hat, und den eigentlich niemand finanzieren will, weil sich niemand etwas darunter vorstellen kann. Selbst Schauspieler für das Projekt zu gewinnen, hat seine Tücken, einfach weil es nichts Vergleichbares gibt, das ich als Referenz heranziehen könnte. Und nicht einmal ich selbst weiß, ob sich all das, was ich mir vorstelle, überhaupt umsetzen lässt. Aber das war ja vor 40 Jahren auch nicht anders.



“Apocalypse Now – Final Cut” läuft nur am 15. Juli im Kino, am 29. August erscheint die neue Fassung samt Bonusmaterial dann auf Blu-Ray.

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