Till Brönner – Ausstellung “Melting Pott”: “Das Amerika von Deutschland”

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Zur Person

  • rtn -radio t/ DPA

    Till Brönner, 1971 in Viersen geboren, ist als Trompeter zu einem der bekanntesten Jazzmusiker Deutschlands geworden. Er bekam mehrere Echo-Preise, 2009 war er sogar für einen Grammy nominiert. Alben wie “Rio” oder “At the End of the Day” erreichten die Top Ten. Seit zehn Jahren ist er auch als Fotograf tätig. Ende 2014 erschien der Bildband “Faces of Talent” mit S/W-Porträts. Vom 3. Juli an stellt er im MKM Duisburg unter dem Titel “Melting Pott” Ruhrgebiets-Ansichten aus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brönner, Sie sind durch Ihren Beruf als Jazz-Musiker viel in der Welt herumgekommen. Heute leben Sie teilweise in Berlin, teilweise in Los Angeles. Jetzt also eine Foto-Ausstellung zum Ruhrpott. Wie kamen Sie darauf?

Brönner: Ich komme zwar aus dem Rheinland, also aus der Nachbarschaft des Ruhrgebiets. Ich habe aber in meinem Leben immer wieder Leute aus dem Ruhrgebiet kennengelernt. Mein Eindruck war, dass die Menschen dort mehr auf dem Boden geblieben sind. Die Haltung war zunächst abwartend, aber trotzdem offen, ohne Vorurteile.

Fotostrecke


Bilder

“Melting Pott”:
Till Brönners Ruhrgebiet-Fotos

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: Wie sind Sie als Nicht-Ruhri da rein gekommen?

Brönner: Zu Beginn meines Projektes war ich erst einmal mit der Attitüde des eher weltbereisten Künstlers unterwegs. Ich kam gerade aus Kalifornien. Gedanklich war ich bei den Lichtern von Los Angeles. So viel Glamour erwartete ich zwar nicht vom Ruhrgebiet. Aber ich hatte feste Bilder im Kopf. Die Ausbeute war dünn: Im Pott fand ich nie das, was ich fotografieren wollte. Da hab ich begriffen: Ich darf nicht nach Bildern suchen, sondern muss das fotografieren, was mir begegnet. Plötzlich sah ich menschliche Schicksale, entdeckte in scheinbaren Banalitäten das, was den Alltag hier ausmacht.

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: Unter ihren Fotos ist ein Porträt von Mario Götze, eine Aufnahme von der Ruhrtalbrücke, von der Rolltreppe im Museum Zeche Zollverein. Ist es wirklich das, was den Alltag der Menschen im Pott ausmacht?

Brönner: Ich bin kein Chronist und erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Über das Ruhrgebiet gibt es bereits eine Flut von Bildmaterialien. Das hier ist meine ganz persönliche Sicht auf eine Region und wie sie mir begegnet ist.

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: Ihre Ausstellung trägt deshalb den Namen “Melting pott” – Schmelztiegel. Den Begriff verbindet man sonst ja eher mit den USA. Was verschmilzt im Ruhrgebiet?

Brönner: Für mich ist das Ruhrgebiet das Amerika von Deutschland. Es gibt hier viele Unterschiede. Auch Ungerechtigkeiten. Strukturwandel ist im Pott nicht nur ein Wort. Einige Menschen sind sehr arm, andere haben sehr viel Geld. Es gibt dort Landstriche, die scheinen sich selbst überlassen. Menschen unterschiedlicher Kulturen wohnen hier seit Jahrzehnten und länger Tür an Tür. Das ergibt naturgemäß ein komplexeres Bild. Mein Eindruck aber ist: Die Menschen hier halten zusammen und achten aufeinander.

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: Welche Menschen haben Sie dann fotografiert?

Brönner: Eigentlich ging es querbeet. Prominente wie Fußballer Mario Götze auf der einen, sogenannte Normalos und Institutionen auf der anderen Seite. Oft sind es aber die scheinbar Kleinen, die an den großen Geschichten beteiligt sind. Besonders im Revier. Die Region ist geprägt von Menschen, die hart arbeiten, was hier immer noch “malochen” heißt.

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: Wie haben die Arbeiter auf Ihren Besuch reagiert?

Brönner: Überwiegend positiv. Und so gut wie nie verschlossen. Als ich ihnen erklärte, dass ich etwas über sie und ihre Heimat machen möchte, weckte das ehrliches Interesse. Die Treffen haben mir für mein Projekt sehr geholfen. Die Beurteilung einer Region lässt sich schließlich nicht an ein paar grauen Häuserfassaden festmachen. Dazu gehört mehr.

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: Ein paar graue Häuserfassaden sieht man allerdings auch auf den Bildern.

Brönner: Weil sie zur ganzen Geschichte dazugehören. Einen Satz hörte ich aber von so ziemlich allen Menschen, mit denen ich sprach: “Ich liebe das Ruhrgebiet.” Da ist eine emotionale Bindung an die Heimat, die alle Heterogenität und alles Grau überstrahlt. Und extrem schöne Ecken gibt es ja. Immer wieder kamen Bewohner zu mir und sagten: Komm doch mal an den Kemnader See. Oder: Lauf in Mülheim zum Fluss hinunter, ist der Knaller da. Ich fand das bemerkenswert.

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: Wie meinen Sie das?

Brönner: Positiv! Wenn man nach der Mentalität der Menschen geht, dann müsste es der Region ziemlich gut gehen. Da wird nicht groß gemeckert. Obwohl vieles dagegen spricht. Das ist eine Haltung zum Leben, die tief in den Menschen hier drin steckt. Das ging nicht über Nacht, sondern dauerte fast zwei Jahrhunderte.

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: Ein Teil dieser Geschichte ist abgeschlossen. Die Zeit des Kohleabbaus ist vorbei, viele Fabriken stehen leer. Ist der Ruhrpott mit seiner Industriegeschichte und der damit verbundenen Mentalität ein Museum?

Brönner: Ein Museum hat immer etwas von Stillstand. Das trifft auf das Ruhrgebiet nicht zu. Diese Region hat sich bislang immer wieder hochgearbeitet. Die Menschen dort haben Deutschland zweimal wieder aufgebaut, zusammen mit vielen Menschen aus dem Ausland. Darüber kann man auch mit Stolz sprechen. Auch nach dem Ende der Kohle ist mit der Region und seinen Potentialen zu rechnen. Zu Museen und Kulturstätten umfunktionierte Fabrikhallen allein werden es nicht richten.

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: Sondern?

Brönner: Das Geld sitzt nicht so locker wie in Baden-Württemberg. Wer soll zu all den Veranstaltungen hingehen? Die Politik ist hier gezielt gefragt.


Till Brönner – Melting Pott. Vom 3. Juli bis zum 6. Oktober 2019; MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg

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