Und, was darf bei Ihnen noch auf den Teller? | ZEIT ONLINE

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Eine Küche in Hamburg-Altona, in einem Messingbecken wachsen Kräuter, auf der Anrichte
stehen Töpfe und Teller, gerade wurde noch gekocht. Jetzt ist das Abendessen fertig, an eine
Tafel setzen sich vier Menschen, die den Deutschen in ihren Büchern erklären, wie man sich
gesund ernährt. Petra Bracht, 62, ist Ärztin und Autorin von “Intervallfasten”. Als
Veganerin empfiehlt sie vor allem Rohkost. Anne Fleck, 47, “Ernährungsdoc” im NDR, setzt
dagegen auf fettreiches Essen (“Ran an das Fett”). Güldane Altekrüger, 44, konnte als
Hausfrau und Mutter mit den üblichen Diäten wenig anfangen. Aus dieser Ablehnung wurde ein
Überraschungsbestseller (“Abnehmen mit Brot und Kuchen”). Den Frauen gegenüber: Nils
Binnberg, 42, ein Berliner Modejournalist, der an einer Essstörung litt, die sich Orthorexie
nennt. Jahrelang war er krankhaft auf seine Ernährung fixiert. Er wirft Ratgeber-Autoren
vor, die Menschen verrückt zu machen (“Ich habe es satt!”).

DIE ZEIT:
Es ist Ostern. Wer von Ihnen hat bis jetzt gefastet?

(drei schütteln den Kopf)

Petra Bracht:
Ich, jeden Tag – weil ich Intervallfasten mache.

Nils Binnberg:
Nach welcher Methode?

Bracht:
Ich mache 16 zu 8.

ZEIT:
Also 16 Stunden nichts essen, 8 Stunden essen.

Bracht:
So ungefähr. Das Abendbrot hier ist heute das Erste, was ich esse. Ich esse oft nur einmal
am Tag, weil ich dann viel klarer im Kopf bin.

Anne Fleck:
Die Idee beim Intervallfasten ist, dem Darm einige Stunden Ruhe zu geben, das ist immer
sinnvoll. Aber nicht für jeden Menschen ist ein langes Intervall von 16 Stunden gut. Ich mag
das englische Wort
breakfast,
wörtlich heißt das ja: Fastenbrechen. So sollte man
das sehen: Ich esse morgens erst etwas, wenn ich merke, dass ich einen ehrlichen Hunger
habe.

Bracht:
Beim Fasten geht es mir vor allem um den Autophagie-Prozess. Das heißt, dass sich der
Körper selbst reinigt und regeneriert. Das ist total toll. Ich mache das seit 35 Jahren.

Fleck:
Der japanische Zellbiologe Yoshinori Ohsumi hat mit seiner Arbeit zur Autophagie 2016 den
Nobelpreis gewonnen.

Güldane Altekrüger:
Bei mir hat Intervallfasten auf Dauer nicht funktioniert. Ich hab so viele Diäten probiert,
aber kaum eine länger durchgehalten und am Ende immer wieder zugenommen.

Fleck:
Deshalb funktionieren ja auch Diäten nicht. Es muss immer eine richtige
Ernährungsumstellung sein.

ZEIT:
Diät im Sinne von Diätetik, also: der Lehre von der richtigen Ernährung?

Fleck:
Genau, und man muss den Leuten klarmachen, dass schlank sein überhaupt kein Ziel ist.

Altekrüger:
Gesund sein, darum geht’s!

ZEIT:
Ist denn Intervallfasten überhaupt eine Diät?

Bracht:
Für mich nicht.

Binnberg:
Im Grunde ist es eine Reduktionsdiät. Wenn man nur ein kurzes Zeitfenster hat, in dem man
essen kann, nimmt man automatisch weniger zu sich. Anstelle von Kalorien zählt man Stunden.
Und so wird es ja auch vermarktet, von Eckart von Hirschhausen etwa: Dauerhaft schlank sein
durch Intervallfasten.

ZEIT:
Als wir vor wenigen Wochen in eine Sachbuch-Bestsellerliste sahen, entdeckten wir Sie drei
dort mit Ihren Büchern:
Ran an das Fett
,
Intervallfasten,
Abnehmen mit Brot und Kuchen
. Sie standen zwischen diversen anderen
Ernährungsratgebern. Erst mal ist das verwirrend: Jeder von Ihnen scheint etwas anderes zu
raten. Frau Fleck ist für Fett. Frau Bracht für “pflanzenbetontes Intervallfasten”.

Altekrüger:
Ich kann Ihre Verwirrung gut nachvollziehen. Ich bin ja keine Ernährungsexpertin, sondern
Eventmanagerin, bei mir hat alles angefangen, weil ich abnehmen wollte. Es hieß immer: Mach
dies, mach jenes, dann wirst du schlank – aber vieles widersprach sich.

ZEIT:
Auch Sie, Herr Binnberg, wollten anfangs vor allem abnehmen.

Binnberg:
Ich war emotional und beruflich in keiner guten Lage und habe mich an die Diäten
geklammert.

ZEIT:
Sie haben Ihr Heil dann in der Ernährung gesucht und fast jeden Trend mitgemacht: Low Carb,
Paleo, Clean Eating, Veganismus.

Binnberg:
Ich habe irgendwann alles gelesen, was ich in die Finger kriegen konnte. Die
Ernährungsgurus haben mich mit immer mehr Material gefüttert für meine Verschwörungstheorien
über meinen Körper. Zuletzt wog ich nur noch 68 Kilo, bei einer Größe von 1,85 Metern. Erst
nach sieben Jahren bin ich durch einen Zufall auf die Krankheit Orthorexie gestoßen, die
krankhafte Fixierung auf gesunde Ernährung. Da wusste ich sofort: Das bin ich.

Fleck:
Dabei gibt es einen einfachen Stand der Ernährungswissenschaft: Basis sind
ballaststoffreiche Lebensmittel wie Gemüse, maßvoll Eiweiß, gesunde Fette. Und Kohlenhydrate
– je nachdem, wie viel sich jemand bewegt.

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