Waldenponding: Die Sehnsucht nach Technologieentzug

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Düsseldorf „Ich ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben und nur den wesentlichsten Dingen des Lebens gegenüberstehen.“ Das schrieb der Schriftsteller Henry David Thoreau, als er sich 1845 in eine einsame Holzhütte am See Walden Pond im US-Bundesstaat Massachusetts zurückzog. Fernab der schnellen und lauten Industriegesellschaft verbrachte er dort zwei Jahre als Aussteiger, um über den Sinn des Lebens nachzudenken.

174 Jahre später ist der Walden Pond Pilgerort für alle, die es Thoreau gleich tun und in der Abgeschiedenheit der Natur dem Lärm des Alltags entgehen wollen. Auch der Autor und Berater Venkatesh Rao hat sich von Thoreau inspirieren lassen, als er auf der Suche nach einem Begriff für den Ausstieg aus dem Digitalen war: „Waldenponding“ nennt er es, wenn Menschen sich bewusst von Technologie abwenden.

Überspitzt lautet das Credo der Waldenponding-Bewegung: Zerstöre dein Smartphone und ziehe dich in eine Blockhütte zurück, um deine Aufmerksamkeit und dein Leben zurückzugewinnen. Diese Maximalform bezeichnet Rao als „Hard Waldenponding“.

Die abgeschwächte Version, das „Soft Waldenponding“, umfasst digitale Auszeiten, etwa das zeitweise „Fasten“ sozialer Netzwerke oder die Einführung eines technologiefreien Wochentags.

Verfechter dieses Ansatzes ist zum Beispiel der US-Informatiker, Künstler und Buchautor Jaron Lanier, der in Büchern und Vorträgen dazu aufruft, sämtliche Profile in sozialen Netzwerken zu löschen. Sie verlangten zu viel Aufmerksamkeit von uns, machten uns abhängig, dumm und manipulierbar, argumentiert Lanier.

Auch der Schweizer Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli rät in seinem Buch „Die Kunst des digitalen Lebens“ zur Social-Media-Abstinenz. Mehr noch: Er empfiehlt, sämtliche Nachrichten komplett zu meiden – durch ihre Allgegenwärtigkeit und ihren Fokus aufs Negative erzeugten sie lediglich Stress und Unruhe.

ada - Heute das Morgen verstehen

Tatsächlich war die Menschheit nie zuvor mit einer so großen Informationsflut konfrontiert. Eine Möglichkeit, mit der daraus entstehenden Überforderung umzugehen, ist Rückzug und die Verdammung des neuen Überangebots.

Diese Reaktion ist gar nicht neu. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als Romane immer beliebter wurden, warnten Kritiker*innen vor den Gefahren der Lesewut.

Lesen mache faul und abhängig, die Lektüre von Belletristik sei unnütze Zeitverschwendung, die davon abhalte, Nützliches zu tun. Mit ganz ähnlichen Argumenten wurde später die Verbreitung von Radio, Fernsehen und Computerspielen kritisiert.

Nun also „Waldenponding“, um den schädlichen Einflüssen des Internets zu entfliehen. Sicherlich kann es nicht schaden, das eigene Nutzungsverhalten digitaler Technologien gelegentlich zu hinterfragen und für sich neu zu kalibrieren, was wirklich Sinn und Nutzen stiftet und was nicht.

Doch eine komplette Abkehr von der digitalen Welt? Selbst Thoreau hat sich während seiner Zeit in der Blockhütte am See nicht völlig von der Außenwelt abgeschirmt.

Seine Geburtsstadt Concord lag nur etwa eine Stunde Fußweg entfernt und er verband seine langen Waldspaziergänge gern mit Besuchen bei seiner Familie in der Stadt. Und fand so eine für ihn gesunde Balance zwischen Distanzierung und Verbundenheit.

Mehr: Milena Merten ist Reporterin für die digitale Bildungsplattform ada. Wenn auch Sie schon heute das Morgen verstehen wollen, schauen Sie doch mal vorbei: join-ada.com

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